"Alte Märchen - neu erzählt" Bd.1

 

Daumerlings Wanderschaft

Der Teufel und seine Großmutter

Die drei Männlein im Wald

Die kluge Gretel

Strohhalm, Kohle und Bohne

Die Geschenke des kleinen Volkes

Das Meerkätzchen

Die Alte im Wald

Die Bienenkönigin

Der Königssohn, der sich vor nichts fürchtete

 

Leseprobe:

 

Die kluge Gretel

 

Es war einmal ein sehr feiner Herr, der lebte in Saus und Braus. Er feierte rauschende Feste und ließ sich auch gerne mal zu einer Hochzeit einladen. Die Hauptsache war für ihn, dass es sehr gute Speisen und edle Weine gab.

 

Für sein leibliches Wohlergehen im eigenen Hause, hatte er eine Köchin eingestellt. Sie hieß Gretel und verstand es sehr gut, des feinen Herrn Gaumen und Magen zu pflegen.

Gretel dachte dabei aber auch viel an sich selbst, und so mancher Bissen und auch edle Tropfen Wein gelangte nicht bis auf des Herrn Tafel. Gretel tat sich selbst gütlich daran, der feine Herr merkte nichts davon und er war mit ihr zufrieden.
Eines Tages hatte der Herr sich einen vornehmen Gast zum Essen eingeladen und beauftragte seine Köchin zwei Hühner zu braten und dazu einen edlen Wein zu servieren.

Als der Braten fast fertig war, ließ der Gast immer noch auf sich warten. Nach einer Stunde lief der Herr los, nach dem Gast zu schauen.

 

Gretel stand derweil in der Küche, mit einem Glas Wein in der Hand und dem Duft der leckeren Hühnchen in der Nase. Ach, dachte sie, ein Flügelchen könnte ich doch naschen, der feine Herr merkt es bestimmt nicht.

Sie ließ sich das knusprige Fleisch schmecken und trank dazu ein weiteres Glas Wein. Der Herr und der Gast waren noch immer nicht eingetroffen. Wie Gretel so in den Ofen schaute, sah eines der Hühnchen schon sehr seltsam aus, mit nur einem Flügel. Schnell aß sie den zweiten Flügel, damit das Fehlen des ersten nicht auffallen sollte. Jetzt sah das Hühnchen aber noch eigenartiger aus und so verputzte Gretel das gesamte Hühnchen. Der Gerechtigkeit halber aß sie dann auch noch das zweite Hühnchen und trank noch ein Glas Wein.


Plötzlich hörte sie den Herrn an der Haustür. Er rief ihr zu, sie solle jetzt den Braten auftragen, der vornehme Gast würde gleich eintreffen. Er wollte schon mal das große Messer wetzen, denn den Braten zerteilte der feine Herr immer höchst persönlich.

Gretel wurde es überhaupt nicht bange, als es an der Tür klopfte. Sie öffnete dem Gast und warnte ihn, der Herr wolle ihm beide Ohren abschneiden. Der Gast hörte das typische Geräusch des Messerschärfens und rannte erschrocken davon. Gretel lief schreiend zu ihrem Herrn und erzählte ihm, der Gast habe ihr soeben beide Hühnchen vom Teller gestohlen. Der feine Herr lief dem Gast hinterher, dabei hielt er noch das geschärfte Messer in der Hand, und rief ganz laut "Nur eins! Nur eins!"

Damit meinte er natürlich, dass der Gast sich mit nur einem Hühnchen zufrieden geben sollte. Der Gast glaubte aber, der Herr wolle sich mit nur einem Ohr begnügen. Er rannte, als wenn der Teufel hinter ihm her sei und der feine Herr immer hinterher. Derweil saß Gretel in der Küche, wusch ihre Hände in Unschuld und trank dazu ein Glas Wein.