"Kleine Märchenreise"
 
Eine Märchensammlung aus verschiedenen Ländern Europas, z.B. die französische Version von "Der gestiefelte Kater" und eine andere Fassung von "Der kleine Däumling"
 
Die Autorin hat Märchen von Perrault, Andersen u.a. bearbeitet und den Text kindgerecht angepasst.
 
Die Sammlung enthält u.a.:
 
Das hässliche Entlein
 
Zarewna Frosch
 
Das kleine Männlein
 

Leseprobe : "Das kleine Männlein"

 

Eines Abends kam ein kleines altes Männlein und klopfte an dem Haus, in dem die zwei Schwestern wohnten, da schaute die Älteste

 aus dem Fenster und fragte „Was wollt ihr?"

 

„Ich hätte gern ein Nachtlager, weil es so kalt ist und ich nicht draußen schlafen kann!“ antwortete das Männlein.

 

„Wir haben keinen Platz im Haus,“ sprach die Älteste „und lasse ich euch herein, dann schmollt meine Schwester acht Tage lang und das geht nicht, darum sucht euch anderswo einen Platz!“

 

Mit diesen Worten schlug sie das Fenster einfach zu.

 

Da ging das alte Männlein weiter zu dem Häuschen, wo die Jüngste wohnte und klopfte dort an.

 

Sie öffnete das Fenster und fragte „Wie kann ich euch helfen, lieber Freund?"

 

„Ich suche ein Nachtlager, weil es draußen so sehr friert!“ sprach das Männlein und da lief die Jüngste an die Tür, machte auf und führte es in die warme Stube. Sie kochte ihm einen Brei aus Milch und Mehl und brockte die letzten Krümlein Brot hinein, die sie hatte.

 

Dann nahm sie Stroh und schüttelte es auf, damit das Männlein weich darauf liegen konnte, sie selbst schlief aber auf dem kalten Boden.

 

Am anderen Morgen war das Männlein schon früh auf und sagte, es müsse nun weiter ziehen.

Das gute Mädchen aber bereitete ihm zuvor noch ein leckeres Frühstück.

 

Als das Männlein gegessen hatte, bedankte es sich freundlich und sprach „Es tut mir leid, dass ich euch für eure Freundlichkeit nichts geben kann."

 

„Oh, das macht nichts!“ sprach das Mädchen. „Ich habe an keine Bezahlung gedacht und wenn ihr mal wieder in der Nähe seid, dann

kommt zu mir und macht euch keine Sorgen."

 

„Ich danke euch von ganzem Herzen und wünsche euch, dass das Erste, was ihr heute beginnen werdet, so gut gelingt, dass ihr den ganzen Tag nichts anderes tun könnt."

Mit diesen Worten verbeugte sich das Männlein und ging weg.

 

Das gute Mädchen ging ins Haus zurück, um sich an ihre Arbeit zu machen. Die letzten Worte des kleinen alten Männleins hatte es gar nicht mehr gehört.

Es holte schnell die Wäsche vom Speicher, die sie zum Trocknen aufgehängt hatte und wollte alles falten und in den Schrank räumen.

Das Mädchen faltete und faltete immer fort, bis zum Mittag und denganzen Nachmittag und die Wäschestücke nahmen gar kein Ende und die ganze Stube wurde davon voll.

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