"Alte Märchen - neu erzählt" Bd.2

 

Der Krautesel

Einäuglein, Zweiäuglein und Dreiäuglein

Die kluge Bauerntochter

Brüderchen und Schwesterchen

Das singende, springende Löweneckerchen

Das Waldhaus

Der Frieder und das Katherlieschen

Die Bremer Stadtmusikanten

Frau Holle

Tischlein deck dich, Goldesel und Knüppel aus dem Sack

Das tapfere Schneiderlein

 

Leseprobe:

 

 Es war einmal ein Schneiderlein, das saß an einem schönen Sommertag am Fenster, war gut gelaunt und nähte fleißig.

 Da sah es auf der Strasse eine Bauersfrau, die rief „Gut` Mus zu verkaufen! Gut` Mus zu verkaufen!“

 Das Schneiderlein steckte seinen Kopf heraus und rief hinunter. „Hierher, liebe Frau, bei mir werdet ihr eure Ware los!“

 

Die Frau stieg die vielen Treppen bis in die Schneiderstube hinauf und packte alle ihre Töpflein vor dem Schneiderlein aus. Es schaute sich alle an, hob sie in die Höhe, hielt die Nase drüber und sagte endlich „Das Mus scheint mir sehr gut zu sein, ich kaufe ein Töpfchen, oder zwei oder vielleicht auch drei davon!“ Die Bauersfrau verkaufte ihm das Mus und ging wieder ihrer Wege.

 

Das Schneiderlein aber sprach zu sich selbst „Nun, das Mus soll mir Kraft und Stärke geben!“, sprang fröhlich in die Küche, holte ein Brot aus dem Schrank, schnitt sich ein Stück ab und strich das Mus darüber.

 

Dann sprach es „Das wird mir sicher gut schmecken, aber erst will ich meine Arbeit beenden!“ Es legte das Brot auf`s Fensterbrett, nähte weiter und machte vor Freude immer grössere Stiche.

 

Das Mus verströmte einen leckeren Duft und dem Schneiderlein lief schon das Wasser im Mund zusammen. Aber die Fliegen, die in großer Menge an der Wand saßen, wurden von dem Duft angelockt und ließen sich scharenweise auf dem Musbrot nieder.

 „Ey, wer hat euch eingeladen?“ schimpfte das Schneiderlein und jagte die ungebetenen Gäste fort. Die Fliegen ließen sich aber erneut auf dem Brot nieder, das Schneiderlein griff nach einem Tuch und rief „Wartet, euch will ich es zeigen, mir mein Mus zu stehlen!“

 Es schlug unbarmherzig mit dem Tuch zu und als es hinsah, lagen da nicht weniger als sieben tote Fliegen vor ihm und streckten die Beine in die Luft.

 

„Was bin ich für ein Kerl!“ rief das Schneiderlein und bewunderte seine eigene Tapferkeit. "Das muss die ganze Stadt erfahren!"

Da schnitt sich das Schneiderlein Stoff für einen Gürtel, nähte ihn und stickte mit grossen Buchstaben darauf „Sieben auf einen Streich!“

 

Dann sprach es zu sich selbst. „Ey, was Stadt! Die ganze Welt soll es erfahren, was ich für ein Bursche bin!“